Die tiefste Wunde: Scham, wenn wir uns selbst verraten müssen - eine NARM -Perspektive
Kennst du das bedrückende Gefühl, wenn du eine Methode ausprobierst, ein Buch liest, ein Seminar besuchst, eine Übung zur Selbstliebe machst – und irgendwie landet es nicht? Es gibt vielleicht diesen kurzen Moment der Hoffnung und Erleichterung, doch wenig später findest du dich in deiner altbekannten Gefühlswelt oder Herausforderung wieder und nichts scheint sich grundlegend geändert zu haben. Und dann, ganz leise, flüstern oder schimpfen diese vertrauten Stimmen in deinem Kopf: „Es muss doch an dir liegen! Vielleicht stimmt etwas nicht mit dir!“
Ich begegne diesem Muster immer wieder in meiner Arbeit und ich möchte gleich zu Beginn sagen: Diese Stimmen und das lähmende Gefühl sind kein Zeichen von Versagen, sie sind selbst ein Symptom, haben eine Geschichte und einen Namen.
Was Scham wirklich bedeutet
Wenn wir im Rahmen der NARM-Methode über Scham sprechen, meinen wir nicht nur eine unangenehme Emotion unter vielen. Im NARM betrachten wir Scham als eine „Dynamik“ – als den aktiven Prozess, Teile von uns selbst abzulehnen. Das ist ein wichtiger Unterschied, und er verändert, wie wir diese Erfahrung verstehen und mit ihr umgehen.
Scham ist keine Persönlichkeitseigenschaft und kein Defekt. Sie ist eine Reaktion. Eine Anpassungsleistung, die in einem bestimmten Kontext – nämlich in der frühen Kindheit – sehr sinnvoll war.
Wir kommen mit einem tiefen Impuls zur Verbindung auf die Welt. Verbindung mit anderen, und über das, was uns gespiegelt wird, auch Verbindung mit uns selbst. Was aber passiert, wenn das, was natürlich und lebendig in uns ist – unsere Bedürfnisse, unsere Freude, unser Ausdruck – nicht willkommen sind? Wenn sie ignoriert, bestraft oder von unseren Bezugspersonen als zu viel erlebt werden?
Das Kind zieht daraus die einzig mögliche Schlussfolgerung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es ist nicht in der Lage, die Situation zu erkennen, wie sie wirklich ist. Das wäre existenziell bedrohlich, weil es dadurch die Bindung zu den Bezugspersonen riskieren würde, von denen sein Überleben abhängt. Also verlagert die Intelligenz der Psyche den Verrat nach innen.
Der Selbstverrat – die tiefste Wunde
Vielleicht ist das die tiefste Wunde, die wir im Leben erleiden können: Wir müssen uns selbst verraten, um zu überleben.
Als Kinder sind wir auf unsere Bindungspersonen angewiesen – nicht nur emotional, sondern existenziell. Um diese Verbindung zu erhalten, geben wir auf, was wir wirklich sind. Wir dimmen unsere Lebendigkeit, halten unsere Bedürfnisse zurück, passen uns an. Nicht weil wir schwach sind, sondern weil wir keine andere Wahl haben.
Aus dem Erleben „Ich bin für andere zu viel“ wird der Glaubenssatz: „Ich bin zu viel.“ Und aus diesem Glaubenssatz entsteht das, was wir in NARM die „schambasierte Identität“ nennen. Diese ist nicht unsere eigentliche Persönlichkeit – auch wenn sie sich so anfühlt. Sie ist eine früh entwickelte Anpassungsstrategie, die tief im Körper, im Nervensystem und in den Emotionen verankert ist und bis heute wirkt.
Warum Selbstmitgefühl so schwer fällt
Viele Menschen kennen das: Man liest über Selbstliebe, legt die Hand aufs Herz, spricht Affirmationen und es passiert Nichts oder es fühlt sich seltsam an – erzwungen, hohl, irgendwie falsch.
Im NARM verstehen wir: Selbstmitgefühl war für ein Kind, das sich selbst verraten musste, „gefährlich“, denn echtes Mitgefühl mit sich selbst würde ja bedeuten, zu spüren und zu erkennen, dass man selbst eben nicht das Problem ist, sondern dass mit dem Umfeld etwas nicht stimmt. Diese Erkenntnis wäre für ein Kind schlicht nicht aushaltbar – Sie hätte die Bindung und damit das Überleben bedroht.
Das ist kein Versagen, es ist eine tief liegende, unglaublich kraftvolle, konsequente und intelligente Überlebensstrategie unserer Psyche.
Deshalb fällt Mitgefühl mit uns selbst zu haben auch heute noch schwer. Es bringt die tieferliegenden Gefühle wie: Wut, Trauer, manchmal eine tiefe Erschütterung, von damals an die Oberfläche. Anleitungen wie „Liebe dich selbst“ ignorieren diese Dynamik vollständig. Sie setzen voraus, dass das Fundament des Selbstmitgefühls schon da ist – dabei ist es genau dieses Fundament, das in der Kindheit nicht entstehen konnte.
Was hingegen stattdessen möglich ist: einen „liebevollen, neugierigen Blick“ auf die eigenen Anpassungsstrategien zu entwickeln. Nicht Selbstliebe als Leistung, sondern als Anerkennung und Würdigung all dessen, was sich in unserem Erleben zeigt. Ein Frieden-Machen mit dem, was damals der einzig mögliche Weg war.
Scham als Hoffnung – das eigentliche Paradox
Es gibt eine Erkenntnis, die ich für eine der tiefgreifendsten in der gesamten Arbeit mit Entwicklungstrauma halte und die gleichzeitig so kontraintuitiv ist, dass sie manchmal erst beim zweiten oder dritten Hören wirklich landet: Die Selbstablehnung, die Scham, das Verstecken – all das geschieht in der Hoffnung auf Liebe.
Wir geben die Verbindung mit uns selbst auf, um von außen Verbindung zu bekommen. Das ist das Paradox. Und es ist kein irrationaler Fehler, sondern eine konsequente, brillante Überlebensstrategie eines Kindes, das keine andere Wahl hatte.
Was dabei oft übersehen wird: Diese Hoffnung richtet sich nicht einfach auf irgendjemanden. Sie richtet sich in der Regel genau auf die Menschen, die keinen Kontakt geben können oder wollen, denn das Nervensystem verbindet Liebe genau mit dieser Unberechenbarkeit. Wenn Liebe damals unberechenbar war – manchmal da, oft nicht – dann lernt unser System nicht: Liebe gibt es nicht. Es lernt stattdessen: Liebe ist schwer zu bekommen. Ich muss mich noch mehr anstrengen. Die bekannte Not verstärkt die Hoffnung. So entsteht eine tiefe Fixierung auf genau solche Menschen, die sich entziehen. Es fühlt sich so schmerzhaft und genau deshalb paradoxerweise vertraut und sicher an.
Das Gute an der Hoffnung ist: Sie ist der Beweis, dass der Impuls zur Verbindung nie verschwunden ist. Sie hält eine Wahrheit lebendig – nämlich, dass Verbindung möglich ist und dass du sie verdienst.
Der Preis jedoch ist hoch. Unser Nervensystem bleibt chronisch aktiviert, wartend und angespannt. Und die Hoffnung bestätigt unbewusst die alte Scham: Wenn ich es nur richtig mache, kommt der Kontakt. Damit dreht und verstärkt sich das Muster weiter.
In der NARM-Therapie geht es deshalb nicht darum, diese zu töten oder die Anpassungsstrategien zu bekämpfen. Es geht darum, sie zu erkunden: Was wolltest du schützen? Worauf hast du gehofft? Und – bekommst du das heute noch auf diesem Weg?
Wenn diese Fragen wirklich landen dürfen, geschieht etwas Bemerkenswertes. Nicht durch Willen und nicht durch Einsicht allein, sondern durch Trauer. Die Trauer über das, was nie war. In dieser Trauer liegt die eigentliche Befreiung: Die Hoffnung auf Verbindung bleibt aber es entsteht auch die Möglichkeit diese an bisher unbekannten Orten zu suchen. Dadurch dass wir lernen uns selbst tiefer zu verstehen, in Verbindung mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu sein und diese zu würdigen wird auch im Außen eine neue Form von Verbindung möglich- nicht auf Basis von Selbstverleugnung (wie damals als Kind), sondern auf Basis von mutiger Selbstoffenbarung im Kontakt.
Heilung bedeutet für mich auch, die Hoffnung transformieren. Vom Hoffen auf Liebe durch Anpassung – zum Erkennen, dass man das, worauf man hoffte, bereits in sich trägt.
Existenzielle Scham – wenn die Wunde vor der Sprache beginnt
Es gibt eine Form von Scham, die noch tiefer liegt als das, was Worte beschreiben können. Im NARM nennen wir sie „existenzielle Scham“. Sie entsteht sehr früh, manchmal schon vor der Geburt, auf einer körperlichen, viszeralen Ebene, lange bevor Kognition oder Sprache vorhanden sind.
Wenn ein Kind nicht gewollt ist, wenn es in eine Atmosphäre von Überforderung, Verlust oder Ablehnung hineingeboren wird, hinterlässt das Spuren. Keine Erinnerungen – aber Spuren im Nervensystem, im Bindegewebe, in einem chronischen Gefühl von „Ich gehöre nicht dazu“ oder „Es wäre besser, wenn ich nicht da wäre.“
Körperlich zeigt sich das häufig als chronische innere Unruhe, einem dauerhaften Getriebensein, Schlafstörungen, tiefen Spannungen im Bindegewebe oder weiteren unterschiedlichsten psychosomatischen Beschwerden wie z.B.: Darmproblemen. Was ich in der Arbeit mit Klient*innen immer wieder erlebe: Wenn diese frühen Muster sich auflösen dürfen, beschreiben viele von ihnen eine tiefe körperliche Entspannung – eine Ausdehnung.
Was das für die NARM-Therapie bedeutet
Im NARM arbeiten wir nicht mit Lösungen, Affirmationen oder dem Ziel, „bessere“ Glaubenssätze zu entwickeln. Das würde nur eine neue Schicht über das legen, was eigentlich erforscht werden will.
Was wir stattdessen tun: Wir schauen gemeinsam hin. Neugierig, langsam, ohne Bewertung. Wir erforschen, was da ist– das Muster selbst, die Überzeugung, die Blockade. Wir bringen Bewusstsein in unser inneres Erleben. Nicht um es wegzumachen, sondern weil Bewusstsein allein oft der Beginn von Befreiung, Lebendigkeit und Entspannung ist.
Ich erlebe das als einen der schönsten und berührendsten Momente in einer Sitzung: wenn ein Klient oder eine Klientin plötzlich sieht – „Das ist gar nicht, wer ich bin. Das ist das, was ich damals gelernt habe, um zu überleben.“ Und mit dem Erwachsenenbewusstsein von heute erkennt: „Das ist und war niemals die Wahrheit über mich selbst.“
Wenn sich so ein tiefliegendes Muster, eine Selbstidentifikation lockert fühlt es für Klient*innen sogar manchmal an wie: „Puff, weg!“ – es wird was ganz Neues sichtbar.
Es geht bei all dem aber nicht darum, etwas Neues zu werden. Es geht darum, die Hindernisse zu erkennen, die uns davon abhalten, das zu sein, was wir bereits sind.
Scham und Schuld – ihr eigentlicher Sinn
Wichtig ist hier ein Missverständnis aufzuklären: Scham und Schuld sind nicht per se schädlich. Ganz im Gegenteil – sie sind biologisch sinnvolle, soziale Funktionen. Schuld zeigt mir, wenn ich eine Grenze überschritten habe und etwas zu reparieren ist. Scham macht mich empfänglich dafür, wie ich auf andere wirke.
Kontraproduktiv werden diese Funktionen, wenn sie gegen uns selbst gewendet werden – wenn etwas Gesundes in mir, meine Lebendigkeit, meine Bedürfnisse, meine Kreativität keinen freien Ausdruck finden können. Dann nutze ich denselben Mechanismus, der eigentlich soziale Verbindung ermöglicht, um mich selbst zu beschneiden.
Das ist der Kern dessen, was wir in NARM als Entwicklungstrauma verstehen. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.